B 17

03.08.2013

zu B 13

Auszug aus:

Clemens  BRENTANO - DÜLMENER TAGEBUCH

Aufzeichnungen der Mitteilungen und der Zustände der

Anna  Katharina  EMMERICK

Mai  1820

In erstmaliger Veröffentlichung der Urtexte

<S. 76>                        12. - 13. Mai 1820.

Bluten.

Merkwürdiges Gesicht von der Kirche Maria a la  Rotunda in Rom und von der neuen protes tantischen Kirche und von großem Elend der Zukunft bis auf eine <Wieder>herstellung.

Nach Tisch, eine wunderbare Genesung durch Himmelspeise.

 

Den 13. am Morgen fand der Pilger sie leidlich, aber sehr schwach, das Urinieren noch schwer, der Kopf schwach. Sie hatte in dieser Nacht stark an der Seite und <dem> Kopf geblutet und war dadurch etwas erleichtert. Sie hat während der ganzen Krankheit nicht viel geblutet, einmal gar nicht am Freitag. Sie erzählte :

 

<Merkwürdiges Gesicht von der Kirche S. Maria Rotunda in Rom und von der neuen protestantischen Kirche und von großem Elend der Zukunft bis auf eine Wiederherstellung.>

Ich habe diese Nacht von elf Uhr bis drei Uhr morgens ein ganz wunderbares Bild von zwei Kirchen und zwei Päpsten gehabt und <von> außerordentlich vielen alten und neuen Sachen. Ich weiß nicht mehr viel davon. Was ich noch weiß, will ich sagen, so gut ich kann.

Es kam eine Erscheinung zu mir, ich weiß nicht, welche; ich glaube aber, daß es ein Heiliger oder mein Schutzengel war. Er sagte mir, daß ich nach Rom müsse und dem Papst zwei Sachen bringen. Ich weiß nicht mehr, was <S. 77> es war, und das ist vielleicht der Wille Gottes, daß ich es nicht sagen soll. Ich sagte, wie ich denn so weit reisen könne, da ich so krank sei. Da ich aber hörte, ich würde schon gut hinkommen, sperrte ich mich nicht lange und es stand ein wunderbarer Wagen vor mir, ganz flach und dünn und er hatte zwei Räder, der Boden war rot, es war ein weißer Rand drum; Pferde sah ich nicht. Man legte mich sachte darauf, und indem sah ich ein schneeweißes, leuchtendes Kind von der Seite gegen mich heranschweben und sich zu meinen Füßen auf den Wagen setzen. Dieses Kind erinnerte mich an das grüne Geduldskind. Es war ungemein lieblich und süß und ganz durch und durch scheinend, es war mir zu Trost und Pflege mitgegeben. Der Wagen war ganz dünn und glatt, so daß ich meinte, ich würde vielleicht heruntergleiten. Er bewegte sich aber sachte, ohne Pferde; ich sah nur einen leuchtenden Mann vorn hergehen.

Die Reise war nicht lang; doch zogen wir über viel Land und Gebirge, auch über großes Wasser, ein Meer oder See, doch nicht sehr lang. Als wir ankamen, erkannte <S. 78> ich Rom. Ich war auch bei dem Papst. Ich weiß nicht mehr, ob er betete oder schlief. Ich mußte ihm zwei Punkte sagen oder geben, und erfuhr auch, daß ich noch einmal her müsse, <um> ihm einen dritten Punkt zu melden.

Hierauf erhielt ich ein wunderbares Gesicht. Ich sah auf einmal Rom, wie es in früherer Zeit gewesen, und sah einen Papst Bonifatius ( IV.) und einen Kaiser, dessen Namen ich nicht weiß (Phokas). Ich wußte mich gar nicht <zurecht>zufinden in der Stadt, alles war anders, auch der Gottesdienst; doch sah ich, daß er katholisch war. Ich sah auch ein großes, rundes Gebäude wie eine Kuppel und es war ein Götzentempel. Es war ganz voll von schönen Götzenbildern; es war, als seien alle Götzenbilder darin, welche es gibt. Sie waren in allerlei Stellungen und viele waren sehr schön, aber sie haben doch auch sehr kuriose Bilder gehabt. So sah ich zum Beispiel Gänse darin, die sie verehrten.

Ich weiß nicht mehr recht, wie ich das Folgende <S. 79> sah, aber so viel entsinne ich mich, daß ich glaube, der Kaiser sage dem Papst oder lasse ihm sagen : In dem Tempel stünden alle Götter, er solle doch seinen Gott auch hineinstellen, daß er mit verehrt werde, und er wolle ihm große Ehre antun. Dieser Vorschlag kam mir ganz einfältig und nicht boshaft vor. Ich sah auch, daß der Papst in einiger Verlegenheit war, und daß ein anderer heiliger Mann die Erscheinung eines Engels hatte, der ihm befahl, den Papst zu warnen.

Ich sah hierauf, daß der Papst die große, runde Kirche von dem Kaiser erhielt, daß die Götzen alle herausgeschafft wurden und daß die Kirche zur Kirche der Mutter Gottes und allen Märtyrern geweiht wurde.

Ich hatte auch allerlei mit dem heiligen Augustinus und einem anderen Papst zu tun, ich weiß nicht mehr, wie er hieß, aber sein Name zirkelte sich so (vielleicht Cyrillus). Auch mit vielen Gebeinen der Heiligen hatte ich zu tun.

Das Fest der <S. 80> Einweihung dieser Kirche sah ich geistlicherweise, wie alle heiligen Märtyrer sie erfüllten und Maria an ihrer Spitze. Ich glaube, daß ich dieses Fest als heutiges römisches Kirchenfest sah in dieser Kirche.

Nachdem ich dieses Bild mit allen seinen kleinsten Umständen gehabt <hatte>, sah ich den jetzigen Papst und sah, wie unter ihm eine andere, dunkle Kirche in Rom entstand. Es war in einem großen, alten Haus wie <in> ein<em> Rathaus; es stand<en> auch Säulen davor. Ich sah keinen Altar in dieser Kirche und kein Heiligtum, ich sah nur Bänke und in der Mitte <etwas> wie einen Rednerstuhl, keine rechte Kanzel. Da wurde gepredigt und gesungen und sonst nichts. Es waren nur sehr wenige Leute darin. Ich sah aber ein wunderbares <S. 81> Schauspiel. Ein jeder zog einen anderen Götzen aus seinem Busen und stellte ihn vor sich hin und betete ihn an. Es war, als zöge jeder seine Meinung, seine Leidenschaft hervor wie ein schwarzes Wölkchen, und wie es heraus war, nahm es gleich eine bestimmte Gestalt an, und es waren lauter Figuren, wie ich sie an dem Halsgeschmeide der Hurenbraut in dem Hochzeitshaus hängen sah, allerlei Menschen- und Tiergestalten. Der Gott des einen war ganz kraus und breit und breitete viele Arme aus und wollte alles umschlingen und auffressen; der Gott des anderen machte sich ganz klein und krümelte sich zusammen; ein anderer hatte bloß einen hölzernen Knüppel, den er ganz verdreht anschaute; der Dritte hatte ein abscheuliches Tier, der Vierte eine lange Stange, und das Wunderbarste war, daß alle diese Götzen den ganzen Raum ausfüllten und daß die Kirche bei den wenigen Leuten ganz voll von Götzen war, <S. 82> so daß sie kaum Platz darin hatten, und wenn sie fertig waren, kroch der Gott eines jeden wieder in ihn hinein. Das ganze Haus aber war dunkel und schwarz und alles, was darin geschah, war Dunkelheit und Finsternis.

Nun wurde mir auch der Vergleich gezeigt zwischen jenem Papst und diesem und zwischen jenem Tempel und diesem. Es ist mir leid, daß ich die Zahlen vergessen <habe>, aber es wurde mir gesagt und gezeigt, wie schwach an Zahl und Beistand jener gewesen <sei> und wie stark an Willen, <indem> er so viele (auch mit Zahl) Götter gestürzt und Andachten in eine Andacht gesammelt <habe>, und wie stark <dagegen> dieser Papst an Zahl <sei> und wie schwach an Willen, wie er den einzigen Gott, die einzige Andacht 1 in diesem gestatteten Tempel in viele Götter und falsche Andachten aufgelöst <hatte>, und es wurde mir gezeigt, wie jene Heiden demütig doch andere Götter als sich selbst angebetet <S. 83> und den einzigen Gott, die allerheiligste Dreifaltigkeit auch aufnehmen wollten in aller Einfalt, und wie ihre Andacht besser gewesen <sei> als die Andacht dieser, welche sich selbst in tausend Götzen anbeteten und dem Herrn keinen Platz unter diesen Götzen gaben. Alles dieses sah ich mit Zahl, dort sammelnd, hier zerstreuend, und das Bild fiel durchaus vorteilhaft für jene aus.

Ich sah auch, wie sehr übel die Folgen von dieser Kirche sein würden. Ich sah sie wachsen, ich sah viele Ketzer aller Stände zu der Stadt ziehen; ich sah die Lauigkeit der dortigen Geistlichen wachsen, ich sah sich viel mehr Dunkelheit dort verbreiten.

Nun erweiterte sich das Gesicht nach allen Seiten. Ich sah an allen Orten die katholischen Gemeinden drücken und drängen, zusammenschieben und einschließen 1, <S. 84> ich sah viele Kirchen aller Orten sperren 1, ich sah großes Elend überall ausbrechen. Ich sah Krieg und Blutvergießen, ich sah das wilde, dunkle Volk gewaltig hervorbrechen. Doch währte dieses nicht lange. Ich hatte das Bild wieder, wie die Peterskirche planmäßig durch <die Freimaurer> abgetragen und auch durch Stürme abgebrochen werde. Ich sah aber im höchsten Elend auch wieder die Nähe der Rettung : ich sah die heilige Jungfrau wieder auf die Kirche steigen und den Mantel ausbreiten.

Als ich diesen Blick tat, sah ich den jetzigen Papst nicht mehr, ich sah den folgenden. Ich sah ihn mild und sehr ernst. Er wußte die Priester an sich zu schließen und die Bösen von sich zu stoßen. Ich sah alles neu werden und sich eine Kirche bis in den Himmel hinein bauen. Ich sah jenen von den zwölf neuen Aposteln dabei, den neulich die Hurenbraut heiraten wollte.

Es war dieses Gesicht von großer Ausdehnung und umfaßte wieder alles <S. 85> von den früheren Bildern von den Schicksalen der Kirche.

Ich hatte auch bei einer Gelegenheit ein Bild von dem Widerstand des G<eneral>v<ikars> für die Kirche, welches großen Glanz auf ihn warf; in anderen Sachen war er fehlerhaft.

Ich hatte <die Erfahrung>, daß ich noch einmal zu dem Papst werde gehen müssen.

Der Zeitraum, worin alles dieses geschah, schien mir nicht sehr lang, ich glaubte, noch Menschen dabei zu sehen, die ich in meinen jetzigen Gesichten als junge Zeitgenossen sehe.

 

Einige nähere Bestimmungen.

Ich sah den heidnischen Tempel in Rom sehr groß und dick, er war rund und hatte keine Fenster; es war oben in der hohlen Decke eine Öffnung; es war auch etwas über der Öffnung, <um> das Wetter abzuhalten. Es standen viele Götterbilder darin von großer Schönheit. In der Mitte aber stand ein hohes Gerüst, welches wie eine Pyramide zuging und bis in die Höhe mit Bildern besetzt war. Ich sah keinen Götzendienst darin, aber alles war noch erhalten.

Ich sah Gesandten von dem Papst Bonifatius zum Kaiser gehen, um den Tempel <S. 86> für eine Kirche zu <er>bitten. Ich empfand deutlich seine Erklärung: Er solle die alten Götterbilder stehen lassen und das Kreuz darin aufrichten; er, der Kaiser, wolle selbst diesem die größte Ehre darin erweisen lassen. Ich sah die Gesandten rückkehren, und Bonifatius besann sich, wie er es ausrichten könne, dem Willen des Kaisers einigermaßen nachzukommen.

Hierauf sah ich, während er zweifelte, einen frommen gemeinen Priester im Gebet liegen vor einem Kreuz. Er hatte ein langes, weites Gewand an, das hinten <etwas> wie eine Schleppe hatte, und ich sah die Erscheinung eines Engels an seiner Seite und <sah,> wie er aufstand und gleich zu Bonifatius ging und ihm sagte, wie er auf keine Weise in das Begehren des Kaisers einwilligen solle.

Ich sah wieder Gesandte zum Kaiser reisen und wie dieser einwilligte, daß der Tempel geräumt werde. Ich sah auch die Leute des Kaisers kommen, und es wurden viele von den Götzenbildern fortgeführt und in die Stadt des Kaisers gebracht; es wurden aber auch viele <S. 87> in Rom geraubt und <in die Stadt> verbracht und ich glaube, daß ich dort noch viele davon unter der Erde gesehen habe.

Ich sah auch die ganze Einweihung des Tempels : der Altar wurde nicht in die Mitte, sondern an die Mauer gesetzt. Ich sah wohl dreißig Wagen voll heiligen Märtyrergebeinen hinein <ge>fahren <werden>. Viele davon wurden in die Mauern gemauert; andere konnte man sehen, es waren runde Öffnungen in der Mauer, und ich weiß nicht, ob Glas davor <war>; es war aber ein Schutz davor. Ich habe auch bei der Einweihung alle diese heiligen Märtyrer mit ihren Marterwerkzeugen im himmlischen Chor in dieser Kirche gesehen.

 

Ich habe vor der neuen protestantischen Kirche wie in der Wand untereinander mehreren Zahlen gesehen. Ich entsinne mich, die erste war V und dann Nullen (wahrscheinlich C hundert); die darunter war IV und wieder Nullen; dann kamen noch ähnliche Zahlen, die ich jedoch nicht mehr weiß. Ich <S. 88> weiß nur, daß ich alles summierend fünf- oder sieben-tausend zählte. Ich glaube, es war, daß die Götzen der Eigenheit, welche die Leute darin aus ihrer Brust zogen, auf so viele anwachsen würden; also die Gemeinde, welche jetzt noch klein war.

Ich hatte bei dem Vergleich <die Empfindung>, wie jener einzelne Papst durch seine Stärke so viel tote Götzen neben dem Kreuz nicht <habe> dulden wollen, und wie dieser durch Schwäche so viel lebendige Götzen durch seine Schwäche eingeführt habe. Ich sah die Folgen sehr übel. Ich sah das Elend und die Lauheit vieler katholischen Priester; ich sah die Geistlichen und Gemeinden dieser Ketzerkirche äußerlich sehr ehrbar und fromm, ich sah <aber> alles in dem Kreis dieser Kirche sich verfinstern und verderben, ich sah sehr vieles dort sich mit ihr berühren und angesteckt werden, ich sah sie zum Verderben <hin>wachsen. Ich erfuhr auch, warum der Papst es getan <hat>, habe es aber vergessen.

 

<S. 89> Die historische Veranlassung dieses Bildes konnte die Kranke auf keine Weise von außen haben. Der Kalender zeigte hier Servatius und der Pilger glaubte, sie müsse sich geirrt haben und der Papst heiße Servatius. Er schlug im Baronius nach, fand aber keinen Papst Servatius. Dann fand er unter Bonifatius IV., daß dieser das Pantheon von Kaiser Phokas um 614 erhalten und " ad Martyres " (Maria della Rotunda) geweiht <habe>, daß auch achtunddreißig Wagen mit Reliquien hineingefahren wurden und daß diese Weihung am 13. Mai geschehen und gefeiert werde, also heute, wovon die Kranke auf keine Weise etwas wissen konnte, da diese Dedicatio Ecclesiae hier gar nicht im geistlichen Kultus ist.

 

<Wunderbare Genesung durch Himmelspeise.>

Sie war nach Tisch viel leichter und begehrte mit dem Kopf zu Füßen ihres Bettes zu liegen. Sie fiel sogleich in Schlaf und in Ekstase sprach <sie> von einer himmlischen Tafel und empfing Speise. Sie schmeckte, verweigerte zu trinken, ward unge-wöhnlich hei- <S. 90> ter und nach mehreren Äußerungen erwachte sie ganz genesen, ganz hergestellt. Sie hatte keine Art von Schmerz noch Übel und war ganz mutig, voll Freude. Sie erzählte, daß sie über sich ein wunderbares Fest gesehen im Himmel. Jesus habe seinem himmlischen Vater alle seine Leiden aufgeopfert und alle Heiligen hätten um eine köstliche Tafel gesessen und Jesus habe sie gespeist. Die Engel seien in weiteren Chören lobsingend gestanden. Das Bild sei unbeschreiblich <gewesen>, es sei mit wunderbarem, feinem Blau umgeben gewesen. Sie habe weit unten gestanden und habe nur um einen kleinen Bissen gefleht. Da sei <jemand> wie ihr Schutzengel zweimal herabgestiegen und habe ihr einmal kleine Bissen und dann einige süße Tropfen gegeben für ihre Krankheit und nun sei sie ganz genesen.

 <S. 91> Der Schweizer Priester Groote kam nun zu ihr. Sie unterhielt sich ganz heiter mit ihm, und als sie einschlief, ließ ihn der Pilger die geweihten Finger vor sie halten. Da sie sich aber plötzlich ungemein blühend und andächtig mit geschlossenen Augen gegen dieselbe emporhob und er, durch diesen überraschenden Eindruck erschreckt, die Finger zurückzog, folgte sie so schnell sich hebend und wendend, daß der Pilger sie aufhalten muß<te>, so daß sie erwachte. Sie wußte von nichts und war diesen Nachmittag so hellsehend, daß sie im Wachen eine linsengroße Partikel von dem Becken eines Riesentiers erkannte, das in der Lippe gefunden worden <war> und beim Arzt hängt. Sie wußte nichts davon, und als der Pilger sie im Wachen fragte, ob sie wohl kenne, was das sei, sagte sie, sie sehe dabei einen weißen Elefanten mit langen Haaren.

Am Abend schweres Gewitter, verkehrte Behandlung. In der Nacht Rückfall zur Krankheit.

 

 

 

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