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20.12.2013

Betrachtungen über die Liebe Gottes, des Vaters

 

Zeig uns den Vater, das genügt

Von Hans P. Buob

Man spricht sehr oft von Jesus Christus. Ich glaube, da hat jeder von uns eine Beziehung: zum Gekreuzigten, zum Guten Hirten, zum Eucharistischen Herrn. Seit einiger Zeit spricht man auch wieder vom Heiligen Geist. Das kommt auch vom letzten Jahr, dem des Heiligen Geistes. Da hat man endlich etwas von diesem unbekannten Gott erfahren. Vom Heiligen Geist erfahren wir auch durch die verschiedenen Erneuerungsbewegungen. Sie sind ja alle Werke des Heiligen Geistes. Aber, wer spricht vom Vater? Das Wort bei Matthäus (11,27) stimmt leider immer noch: „Niemand kennt den Vater, außer der Sohn.“ Niemand kennt den Vater......Denn dafür ist Er in die Welt gekommen. Das war Seine Sehnsucht - vom Vater zu sprechen. „Denn alles, was Ich zu sagen hab‘, hab‘ Ich vom Vater gehört: Ich tue nichts aus Mir selbst, sondern nur, was Ich den Vater tun sehe.“ Und wenn wir Gott Vater nen­nen können, ja wenn wir Ihn Va­ter nennen dürfen, ja sogar sollen, ist das etwas so Großes, dass wir eigentlich Angst haben müssen, wenn wir das Wort Vater zu oft gebrauchen. Nämlich, dass die Kraft dieses Namens verloren geht. Nach diesem Namen wird jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden benannt, schreibt Pau­lus im Epheserbrief (3,14). Und Paulus fordert alle auf, mit ihm zusammen vor dem Vater die Knie zu beugen. Nur Jesus konn­te vom Vater so reden, wie es dem Vater geziemt. Denn niemand kennt den Vater, nur der Sohn. Jeder Verkünder hat sein Lieb­lingsthema. Und das Lieb­lingsthema Jesu war der Vater, in Seiner Predigt, in Seiner Verkün­digung. Wenn Jesus vom Vater spricht, dann machen die Jünger große Augen. Es erfasst sie eine ganz tiefe Sehnsucht. Und so ruft Philippus begeistert aus: „Zeig‘ uns den Vater und es genügt uns!“ (Joh 14,8) Da muss ja etwas vor­ausgegangen sein. Jesus muss ja vom Vater geredet haben, dass dem Philippus das Herz aufge­gangen ist. Doch für Jesus ist der Vater nicht ein Thema, das man abhan­delt. Für Ihn geht es da um Seinen „Abba“. wie er Ihn ganz zärtlich nennt. Sein Abba, der Ihm Seine Herrlichkeit und Seinen Namen gegeben hat noch vor Erschaffung der Welt. Abba ist das Vaterwort aus der Familie. So nennt das Kind den Vater in der Familie. Man kann es schlecht übersetzen. Selbst wenn man Papa sagt, hat man es noch nicht ganz getroffen. Es ist ei­ne kleinere Form. Man kann es eigentlich nur Schwäbisch überset­zen: „Papele“. So nennt Jesus Sei­nen Papa. Und zu diesem Vater fühlt sich Jesus hingezogen. Seine einzige Sehnsucht auf Erden besteht dar­in, den Menschen den Vater zu zeigen. Denn Er beschließt Seine Verkündigung des Himmelrei­ches mit den Worten: „Ich habe ihnen Deinen Namen bekannt ge­macht und werde ihn bekannt ma­chen, damit die Liebe, mit der Du Mich geliebt hast, in ihnen ist und damit Ich in ihnen bin“ (Joh 17,26) Das Ziel war immer der Vater. Sogar Sein Leiden muss der Of­fenbarung des Vaters dienen. Bei Johannes (14,13) heißt es: „Die Welt soll erkennen, dass Ich den Vater liebe.“ Und deshalb sagt Er, als Er Seinem Leiden entgegengeht, zu Seinen drei Jüngern: „Jetzt ist die Stunde da, wo der Va­ter verherrlicht ist.“ Wie kommt es eigentlich zur Ablehnung Gottes als Vater? Im Römerbrief (5,6-11 und 8,32) spricht der Apostel Paulus von der Liebe Gottes, des Vaters, zu uns als dem Urquell, aus dem die Erlösung hervorgeht. Wir re­servieren die Erlösung eigentlich immer nur Jesus. Als ob der Va­ter Zuschauer auf der Welttribü­ne gewesen wäre. Aber Urquell, aus der die Erlösung hervorkommt, ist die Liebe des Vaters. Gott, der Vater, hat Seine Lie­be zu uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren, also überhaupt nichts dazu beitragen konnten. Aber wer hat uns Seine Liebe erwiesen? Der Vater! Weiter heißt es (Röm 8,32): Er habe Seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern Ihn für uns al­le hingegeben. Ihr Väter und Ihr Mütter, was für eine Liebe müsstet Ihr für einen Menschen haben, wenn Ihr Euer Kind hingebt? Und wie würdet Ihr leiden, wenn Ihr es hingebt? Könntet Ihr da ein­fach zuschauen? Was für eine Liebe! - und was für ein Leid! Gott Vater zeigt Seine Liebe zu uns, indem Er den eigenen Sohn dem Tod überliefert. Für menschliches Denken ist das überraschend, fast skandalös. Denn Christus ist doch für uns ge­storben, nicht der Vater. Kann man sagen, wie es viele tun, es sei die Grausamkeit des Vaters, der den Sohn sterben ließ? Oder zu­mindest Seine unbeugsame Ge­rechtigkeit, die das forderte? So sehen ja viele Gott. Es ist ja etwas Wahres dran. Aber Ich muss das im Zusammenhang sehen, um den Vater, den Urquell unserer Erlö­sung, Seine Liebe, die alles ris­kiert hat, zu verstehen. Eigentlich beruhen die menschlichen Vorbehalte gegen Gott als Vater darauf, dass es in der Welt überhaupt Leid gibt. Der Mensch leidet - und Gott nicht! Der Sohn Gottes hat gelitten, während der Vater unberührt blieb. Deshalb opponieren wir gegen Gott als Vater. Deshalb ist es wichtig, mit Hil­fe des Heiligen Geistes ein wenig Licht in diese Wirklichkeit zu bringen. Die Heilige Schrift zeigt uns sehr deutlich, dass Gott leidet. Im Alten Testament heißt es: dass es Gott in Seinem Herzen wehtat, den Menschen geschaffen zu ha­ben. (Gen 6,6). Herz ist in der Bi­bel immer die innerste Mitte der Person. Das ist Leiden. Nach dem Psalm (78,40) wur­de Er in der Wüste gekränkt. Vom Anfang bis zum Schluss ist die Heilige Schrift voll von bitteren Klagen Gottes, die in den Worten (Mich 6,3) Ausdruck finden: „Mein Volk, Mein Volk, was ha­be Ich dir getan, womit bin Ich dir zur Last gefallen? Antworte Mir!“ Der tiefste Grund für diese Kla­ge ist der Verrat an der Liebe des Vaters. Beim Propheten Jesaja (1,2) heißt es: „Ich habe Söhne großgezogen und emporge­bracht, doch sie sind von Mir ab­gefallen.“ Tiefster Grund für die­se Klage: der Verrat an der Liebe des Vaters. Aber Gott verfällt nicht in Selbstmitleid, das wäre eine Un­vollkommenheit. Ihm fehlt da­durch nichts. Er ist vollkommen. Er ist vielmehr besorgt um den Menschen. Ihm geht es um den Menschen, der abgefallen ist. Denn keiner kann ohne die Liebe le­ben. Und glücklich sind Sie nur,  wenn Sie sich voll und ganz und bedingungslos geliebt wissen. Deshalb geht es nicht darum, dass Gott Menschen braucht, die Ihn lieben, sondern Er will, dass der Mensch glücklich ist. Und das ist er nur, wenn er lieben kann. Und zwar etwas Vollkom­menes, das ihn nicht enttäuscht. Alle Ihre Sehnsüchte gehen da­hin. Deshalb will Gott geliebt werden. Nicht weil Er das brau­chen würde. Nur wenn wir die­sen vollkommenen. unendli­chen, ewigen Gott lieben kön­nen, sind wir glücklich, weil die Liebe sich nach diesem Unendli­chen sehnt. Mit einem begrenz­ten, sterblichen Menschen kann sie nicht zufrieden sein. Um un­seres Glückes willen will Gott geliebt werden. Er lässt sich von uns lieben, das ist Seine Liebe zu uns. Gott verfällt also nicht in Selbstmitleid, denn Ihm fehlt ja nichts. Ihm geht es um den Men­schen. Er ist besorgt um den Men­schen, der verloren geht, wenn er von Ihm abfällt. Es ist also bei Gott, dem Vater, ein Leiden aus Liebe. Aus reiner Liebe ist er bekümmert. Das ist nichts Un­vollkommenes. Unser Leiden ist immer ein Manko. Bei Gott ist das nicht der Fall. Bei Gott ist das der Ausdruck Seiner Liebe, Seiner Vollkom­menheit, kein Selbstmitleid. Eigentlich müsste Gott diese Welt gerechterweise vernichten. Stattdessen sind wir Zeugen des genauen Ge­genteils. Er tut alles, um sie zu retten. Wenn Ich nur daran denke, dass zur Zeit rund 100 Marienerscheinun­gen auf der Welt stattfinden - das ist kein Dogma, jeder kann darü­ber denken, wie er will und Ich weiß auch nicht, ob alle echt sind. Gott vernichtet die Welt nicht, Er will sie retten. Das ist die Liebe des Vaters, der Ursprung der Er­lösung. Der Prophet Hosea (11,8f) bringt das folgendermaßen zum Ausdruck: „Wie könnte Ich dich preisgeben, Israel, wie dich aufgeben, Ephraim! Mein Herz wen­det sich gegen Mich, Mein Mit­leid lodert auf, Ich will Meinen glühenden Zorn nicht voll­strecken.“ Das ist Gott: „Mein Herz wen­det sich gegen Mich“ - nicht ge­gen uns. Sein Mitleid lodert auf. Das ist Sein Wort zu Mir! Origines schreibt in einer Homilie zu Ezechiel: „Der Erlö­ser ist aus Mitleid mit dem Menschengeschlecht auf die Erde herabgestiegen. Er hat unsere Leiden getragen, noch be­vor Er am Kreuz gelitten hat, noch bevor Er sich gewürdigt hat, unser Fleisch anzuneh­men. Denn wenn Er sie nicht schon vorher getragen hätte, wäre Er nicht gekommen, um das menschliche Leben mit uns zu teilen.“ „Welcher Art ist dieses Leiden“, fragt er, „dem Er sich von Anfang unterwor­fen hat?“ Und er sagt: „Es ist das Leiden der Liebe. Der Vater selbst, ... Er, der voll Erbarmen und voll Mitleid ist, leidet Er etwa nicht in ir­gendeiner Weise? Oder weißt du etwa nicht, dass Er, wenn Er sich der menschli­chen Dinge annimmt, menschliches Leid erfährt? Er erleidet eine Passion der Liebe.“ So Origines. Der Vater erleidet eine Passi­on der Liebe - und auch Jesus, der Sohn. Die ganze Dreifaltigkeit ist immer in den ganzen Erlösungs­vorgang einbezogen. Origines führt zu dem Punkt, wo man sich entscheiden muss, ob man an ei­nen Gott der Liebe glaubt oder nicht. Wenn Ich an einen Gott der Liebe glaube, weiß Ich, dass Er ein Gott des Leidens ist um Meinetwillen! Um den Knecht zu erretten, gabst Du den Sohn da­hin. Ein verrückter Gedanke! Sicherlich haben die Worte Passion und Leiden, auf Gott an­gewandt, eine analoge Bedeu­tung, die verschieden ist, wie wir Leiden im menschlichen Bereich erfahren. Bei Gott handelt es sich um ein unendlich freiwilliges Leiden, das nicht aus irgendeiner Not­wendigkeit herkommt oder aus einem blinden Schicksal. Bei uns geschieht das. Bei Gott ist Leiden ein Ausdruck der unendlichen Freiheit Gottes Es ist ein unend­lich freiwilliges Leiden, nicht ei­nes, wie wir es oft bezeichnen, das niederdrückt, das ein Manko ist, sondern etwas Vollkomme­nes, weil es zur Liebe gehört. Sie kennen Johannes vom Kreuz. Er hat unheimlich körper­lich gelitten, wurde auch schlecht behandelt, so dass er früher ge­storben ist, als er hätte sterben  müssen. Und als Jesus ihn fragt: Johannes, Du hast so schöne Sachen über Mich geschrie­ben, was wünschst Du Dir?“ Ant­wortet Johannes vom Kreuz: „Weiterleiden.“ Das ist nicht leicht zu verstehen. Johannes vom Kreuz war schon so tief in Gott hineingenommen, dass für ihn Leiden nicht mehr Manko war, sondern die höchste Form des Ausdrucks seiner Liebe zu Gott. Also etwas Positives. Wir können das nicht nachvollziehen, können aber staunen. Rein logisch aber werden Sie verstehen: Wenn jemand für Mich leidet, sein Leben für Mich hingibt, muss er eine ganz große Liebe für Mich haben. Für ihn wird die Hingabe seines Lebens nicht Manko, sondern Ausdruck seiner Liebe zu Mir sein. Bei Gott ist das Leiden nicht ein Manko, etwas, was Ihm ab­geht, eine Notwendigkeit, gegen die Er sich nicht wehren kann, sondern es ist die Höchstform, wie Er Seine Liebe für uns aus­drückt. Darum kann man Liebe nicht analysieren. Ich kann Lie­be nicht erklären. Darum sagt Jesus in Seiner To­desnot: Wie sehne Ich Mich da­nach, diesen Kelch zu trinken. Das ist vollkommene Liebe. Es ist also kein blindes Schick­sal. Es ist das Leiden des Leidensunfähigen, wie es der heilige Gregor, der Wundertäter, nennt. Wäre Gott total unfähig zu leiden, so einer der Kirchenväter, wäre das eine Einschränkung für Gott und ein Zeichen mangeln­der Freiheit. Gott kann, wenn Er will, auch leiden, und da Er liebt, will Er leiden. Dieses Leiden Gottes ist Zeichen einer unendli­chen Souveränität. Jesus, zeig uns den Vater. Wer den Leidenden am Kreuz sieht, erkennt die Liebe des Vaters.

 

Auszug aus dem ersten Vortrag  von P. Buob  am 31.7.99 am Sonntagberg

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Aus Vision 2000 Nr. 5 / 99

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