Heiligsprechung von Pater Pio

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Die Heiligsprechung von Pater Pio: ein Ereignis ohnegleichen
Papst stellt der Welt sein Zeugnis an Gebet und Barmherzigkeit vor

VATIKAN, 16. Juni 2002 (ZENIT.org).- Papst Johannes Paul II. hat der Welt Pater Pio aus Petrelcina als Vorbild für Gebet und Barmherzigkeit vorgestellt, in einer Zelebration, die wohl am meisten Zulauf in der Geschichte des Vatikans gefunden hat.

"Der neue Heilige fordert uns auf, Gott ganz obenauf zu stellen, ihn als unser höchstes und einziges Gut anzusehen", sagte der Heilige Vater in der Heiligungshomilie von Francesco Forgione, wie der Kapuzinerfrater mit den Wundmalen mit dem Geburtsnamen heißt, der 1968 mit 81 Jahren gestorben ist.

Die mehr als 300.000 Pilger, deren genaue Zahl unmöglich zu ermitteln war, die nach Rom gekommen waren, um an der Feier teilzunehmen, passten nicht auf den Petersplatz. Hunderttausende drängten sich in der Via della Conciliazione und auf den nahegelegenen Plätzen, indem sie der Liturgie auf Megabildschirmen folgten.

Die Pater-Pio-Fans wurden hart auf die Probe gestellt, denn sie wurden bei schwülem Wetter einer unerbittlich niederbrennenden Sonne bei 35 Grad im Schatten ausgesetzt, und die Hitze wurde durch den aufgeheizten römischen Asphalt noch unerträglicher. Die Organisatoren verteilten Millionen Wasserflaschen und bei einer Gelegenheit spritzen sie von Tanklastwagen Wasser auf die Gläubigen.

Der bewegendste Moment fand um 10.25 statt - die Heiligsprechung, die in viele Länder übers Fernsehen übertragen wurde, hatte um 10.00 angefangen - als der Papst, auf Latein und mit der Gelegenheit angemessenener bebender Stimme, die Formel aussprach, mit der Pater Pius in das Heiligenregister eingetragen wurde.

Der 462. Heilige dieses Pontifikats ist auf jeden Fall der bestbekannteste und meistgeliebte, besonders in Italien. In der ganzen Welt gibt es Gebetsgruppen, die sich an seiner Spiritualität inspirieren.

Unter den Anwesenden waren auch die beiden Menschen, die seiner Interzession ein Wunder zuschreiben, das ausschlaggebend gewesen sein soll, um zu diesem Augenblick zu gelangen: die unerklärliche Heilung von Consiglia De Martino, welche die Tore der Seligsprechung aufschlug, und die Heilung des Kindes Matteo Pia Colella, der genau an diesem Tag die Erstkommunion aus den Händen des Papstes empfängt.  

2.700 Gebetsgruppen auf der Welt inspirieren sich an Pater Pio
großartige Idee in Zeiten des Individualismus - gemeinsam beten

SAN GIOVANNI ROTONDO, 16. Juni 2002 (ZENIT.org).- Derzeit gibt es 2.700 Gebetsgruppen auf der Welt, die sich an der Spiritualität von Pater Pio orientieren, der am Sonntag heiliggesprochen wird.

Als erster rief Papst Pius XI. dazu auf, um von Kriegswirren fernzuhalten, dann auch Papst Pius XII. im Zweiten Weltkrieg. Die Gläubigen sollten sich in kleinen Gruppen zum Gebet zusammentun und den Herrn bitten, die Gesellschaft moralisch wiederzuerrichten.

"Pater Pio bildete in den 20er Jahren eine kleine Gebetsgruppe, denn Pius XI. hatte dazu aufgerufen, für das Fernhalten von Kriegswirren zu beten. Man sollte zusammen beten, um das Herz Gottes zu bewegen, das waren seine Worte. Und Pater Pio reagierte: "Wir müssen die ersten sein", sagte er", so Pater Marciano Morra, Sekretär der Gebetsgruppen "Pater Pio".

"Damals war der Konvent noch keine Abtei, und daher gab es keine Klausur und man konnte dort ungehindert Besuch empfangen. Es gab dort einen Kamin, um den Pater Pio etwa 10 Frauen versammelte. Es waren einfache Leute aus dem Volk. Er gab ihnen Katechismusunterricht, las aus dem Evangelium vor und legte das Alte Testament aus, stellen sie sich das mal in den 20er Jahren vor!".

In den 40er Jahren war man da schon organisierter. Pater Pio diktierte Dr. Guglielmo Sanguinetti seine Instruktionen. Er war als energischer Arzt die Seele des entstehenden Krankenhauses von San Giovanni Rotondo, dass die Kapuziner gegründet hatten.

"Er legte die Charakteristiken seiner Bewegung grund. Die Gruppen mussten immer von einem vom Bischof ernannten Priester geleitet werden".

Warum, das erklärte Pater Pio folgendermaßen: "Wir wollen jeglichen Protagonismus und mögliche Abgleitungen durch persönliche Initiativen vermeiden , welche das Ziel verfälschen könnten".

Ziel war "in der Kirche, mit der Kirche und für die Kirche zu beten". Pater Pio war der erste, der wusste, dass der "Pater Pio Kult" zum Sektierertum, Aberglauben und dergleichen führen könnte. Er selbst schob dem einen Riegel vor. Wenn der Ortsbischof keine Gebetsgruppe wollte, löste er selbst sie wieder auf".

In den Gruppen gab es große Freiheit. "Die einen trafen sich bei den Carabinieri, wo der Kommandant mit seiner Frau und Kindern eine Gruppe gegründet hat, die anderen in der FAO in Rom, wo Angestellte nach der Mittagspause die Initiative ergriffen hatten".

"Was tun sie dann? Sie beten, vier Mal im Monat kommen sie zur Messe, zum Rosenkranz und Schriftmeditation zusammen. Für die Laien war Pater Pio mit kleinen Schritten zufrieden. Allmählich wird das gemeinsame Gebet zur aktiven Nächstenliebe", so der Sekretär der Gebetsgruppen.

Beim Tode Pater Pios gab es 700 Gebetsgruppen. Heute gibt es 2.300 in Italien allein und 400 im Rest der Welt. "Die Zahlen sagen wenig aus. Kürzlich habe ich in Polen drei Gruppen besucht, die ich schon kannte, und ich habe 24 Gruppen vorgefunden. In Argentinien gibt es offiziell eine Gruppe und inoffiziell 70. Es sind entstehende Gruppen in Erwartung ihrer Anerkennung", so der Vizepostulator der Heiligsprechung, Pater Gerardo Ruotolo.

Pater Marciano stellte einen unerwarteten Aufschwung der Pater Pio-Gebetsgruppen fest, der auf einer ganz simplen Tatsache beruht: in Zeiten des Individualismus "gemeinsam" zu beten.

Pater Pio, ein Heiliger der das Herz der Menschen rührt
Interview mit päpstlichem Hoftheologen Pater Cottier

ROM, 14. Juni, 2002 (ZENIT.org-Avvenire).- Wer ist Pater Pio? Der päpstliche Hoftheologe Pater Georges Cottier antwortet: "Er ist der Prototyp des wahren Sohnes des heiligen Franz von Assisi".

Der Dominikaner kennt die Gestalt des Heiligen bestens sowie auch die aller anderen Unzähligen Heiligen, welche dieser Papst zur Ehre der Altäre erhoben hat.

FRAGE: Warum sollte man der Kirche und der Welt die Gestalt von Pater Pio nahebringen?

PATER GEORGES COTTIER: Weil es ihm gelang, zwei entscheidende Tugenden wie Armut und Demut zu leben und weil er auf wirksamste Weise die Bedeutung der Eucharistie und der Beichte aufgewertet hat. Man muss gemäß der Seligpreisungen leben, das Heil im eucharistischen Leben suchen und auf das Erbarmen Gottes vertrauen. Das ist sein Geheimnis. Pater Pio wie auch andere Heilige unserer Zeit - ich denke zum Beispiel an die heilige Therese vom Kinde Jesu - sind eine Gnade Gottes für die Kirche von heute. Außerdem ist er ein Heiliger, der die Herzen der Menschen rührt, und nur wenige haben ein solches Charisma.

FRAGE: Einige sagen, Pater Pio wäre etwas für einfache Gemüter. Was denken Sie darüber?

PATER GEORGES COTTIER: Seine Liebe zur Beichte lässt uns das erbarmungsreiche Antlitz Gottes schauen, und diese Botschaft übersteigt jegliche ideologische Widerrede und lädt uns auch ein, angesichts der ständigen Offenbarung menschlichen Elends zu hoffen. Alle dürfen wir Grund zum Hoffen haben, andernfalls überwiegt die Bitternis und Mutlosigkeit. Das sagt uns Pater Pio, und diese Botschaft ist an alle gerichtet.

FRAGE: Ist seine Beliebtheit ein Vorteil oder ein Problem?

PATER GEORGES COTTIER: Der Teufel hat immer schon großes Interesse für die großen Gaben Gottes an die Kirche bekundet. Entglittene Frömmigkeit und Gleichgültigkeit sind für ihn ein bevorzugter Sieg. Ich glaube allerdings, dass man all das Folkloristische um Pater Pio herum mit Aufmerksamkeit betrachten muss, denn es ist doch eine spontane Glaubensäußerung, die daher auch respektiert und geschützt werden muss vor zweideutigen und exzessiven Formen. Wer den neuen Heiligen kennen gelernt hat, weiß, dass er in erster Linie sehr streng mit sich selbst war.

FRAGE: Millionen von Christen wenden sich an Pater Pio und bitten um ein Wunder. Grenzt das nicht an Ausnutzung?

PATER GEORGES COTTIER: Die Kirche hat immer schon die Heiligen angerufen, um besondere Gnaden des Himmels durch sie zu erlangen. Zu Recht ist das auch heute noch so, ohne an einen Automatismus denken zu wollen. Wir wissen ja, dass die Fürsprache eines Heiligen bei Gott viel wirksamer ist als unsere eigene. Vor allem lehrt die Kirche, dass bei einer Heiligsprechung Gott seine Gnade durch dessen Vermittlung offenbaren will. Daher ist es auch durchaus gerechtfertigt, von diesem Moment Gebrauch zu machen, wenn die Kirche durch unfehlbare Verkündigung des Papstes uns einen sicheren Weg weist. Die technokratische Kultur neigt dazu, die Macht des Gebetes zu vergessen, nicht zuletzt deshalb ist Pater Pio so außerordentlich aktuell.  

Eine Freundin des Papstes durch Interzession Pater Pios geheilt
Interview mit Professorin Wanda Poltawska

VATIKAN, 16. Juni 2002 (ZENIT.org).- Als Johannes Paul II. noch Erzbischof von Krakau war und Karol Wojtyla hieß, schickte er eine Karte an Pater Pio aus Pietrelcina, um ihn zu bitten, dass er für eine Freundin von ihm beten möge, Professorin Wanda Poltawska, die schwer an Rachenkrebs erkrankt war.

An diese Begebenheit erinnert Professorin Wanda Poltawska, derzeit Odinaria für Pastoralmedizin an der Päpstlichen Akademie Krakau, die damals eine unerklärliche Heilung erlebte.

FRAGE: Welche Dimension der Persönlichkeit und der Berufung von Pater Pio berührt Sie am meisten?

WANDA POLTAWSKA: Was mich am meisten beeindruckt ist vor allem das Zeugnis seines inneren Lebens in Verbindung mit Gott. Pater Pio zeigt mit jeder Faser seiner Existenz, dass die wahre Ebene und die authentische Dimension, die wir anstreben sollten, das spirituelle Leben ist: ein Leben in Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus Christus, damit wir sein Leben empfangen. Normalerweise vergessen heute viele dass die wahre Dimension die ewige ist, denn Gott hat uns geschaffen und Gott ist ewig.

Pater Pio ist wie alle Heiligen Zeuge davon, dass das Leben nicht mit dem Tod endet, sondern dass in Wirklichkeit nach dem Tod erst das wahre Leben beginnt, dass ganz in Gott aufgeht. Die Ausdrucksweise derer, die nicht an Gott glauben, beschränkt sich auf psychologische, soziologische und physische Kategorien ... Pater Pio teilt uns die wahre Dimension des Menschen mit, das wahre Maß der menschlichen Person, denn er spricht zu uns von Gott: ja, Gott existiert und Pater Pio legt davon Zeugnis ab.

FRAGE: Können Sie uns davon erzählen, was Sie nach Ihrer Heilung durch die Fürsprache von Pater Pio erlebt haben? Nach dem Wunder der Heilung sind Sie nach San Giovanni Rotondo gereist. Was haben Sie empfunden, als sie Pater Pio begegnet sind?

WANDA POLTAWSKA: Es ist gewiss nicht einfach, davon zu erzählen, was ich in meinem Innersten fühle. Meine Krankheit und dann die unerklärbare Heilung, von der ich zunächst glaubte, es handle sich um eine Fehldiagnose der Ärzte. Erst später wurde mir bewusst, vor allem als ich Pater Pio begegnet bin, dass es sich um ein Geschenk Gottes gehandelt hat, das Pater Pio für mich erwirkt hatte.

Was mich am meisten beeindruckt hat, als ich im Mai 1967 zum ersten Mal in San Giovanni Rotondo war, war der Blick von Pater Pio, seine Augen und seine Worte, die so sehr vom Glauben sprachen, als er die Heilige Messe feierte. Ich wusste nichts über ihn, doch seit ich ihm begegnet bin, geht er mir nicht mehr aus dem Sinn.

An jenem Tag befand ich mich mitten in einer Menschenmasse. Ich habe wie alle anderen am Gottesdienst teilgenommen. Nach dem Gottesdienst ging Pater Pio wie gewöhnlich, obschon dies für Ihn sehr anstrengend war, durch die Menge. Als er in meiner Nähe war, schaute er mich an, ohne etwas zu sagen und streichelte mir väterlich über den Kopf. Als sie diese Geste sahen, fragten die Frauen, die neben mir standen, wer ich sei.

Es hatte sie beeindruckt, dass Pater Pio gerade bei mir stehen geblieben war. Ich verstand nicht genau, was sie von mir wissen wollten und antwortete nur: "Ich komme aus Polen". Dieser Augenblick, in dem er mich angeschaut hat, ohne etwas zu sagen, wird mir immer im Gedächtnis bleiben. Es fällt mir nicht leicht, mich für jemanden zu halten, der ein Wunder erfahren hat.

FRAGE: Was hat Sie an Pater Pio am meisten beeindruckt?

WANDA POLTAWSKA: Wie ich bereits sagte: sein Blick und wie er die Heilige Messe feiert. Er feiert die Messe, indem er sie erlebt; es war sichtbar, dass Pater Pio ein wahres Geheimnis und wahres Leid erfuhr. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der so wie Pater Pio die Heilige Messe feiert; welche andere Priester feiert die Heilige Messe auf diese Weise? In einer derart gottesfürchtigen Stille und mit soviel Hingabe. Alle waren still, weil sie von dieser Art und Weise die Messe zu feiern beeindruckt waren. Es war zu der Zeit, als Pater Pio auch körperlich sehr leiden musste und fast nicht mehr gehen konnte; es war ein Jahr vor seinem Tod.

FRAGE: Wir wissen, dass Sie Papst Johannes Paul II. gut kennen und zwar aus der Zeit, als er noch in Krakau lebte. Gibt es Ihrer Meinung nach Gemeinsamkeiten zwischen dem Papst und Pater Pio?

WANDA POLTAWSKA: Der tiefe Glaube. Auch der Papst lebt stets auf einer spirituellen Ebene in Verbindung zu Gott, seiner Existenz, seiner Gegenwart uns seiner Herrschaft gewiss. Dieser tiefe Glaube hat mich bei beiden beeindruckt. Sie leben einen gewissen, starken Glauben und aus diesem Grund glauben sie auch, dass für Gott alles möglich ist. Mit einem unumstößlichen Glauben an den Herrn Jesus Christus ist nichts unmöglich und dessen sind sie gewiss.

FRAGE: Wie wird es für Sie sein, an der Heiligsprechung von Pater Pio am 16. Juni 2002 auf dem Petersplatz in Rom durch Papst Johannes Paul II. teilzunehmen?

WANDA POLTAWSKA: Ich betrachte dies als das Ziel eines langen Weges, des Weges der Anerkennung der Heiligkeit von Pater Pio. Der Heilige Vater war bereits, bevor er selbst Papst war sicher, dass Pater Pio ein Heiliger war. Mit dieser Gewissheit legte er bei Pater Pio die Beichte ab.

Die Heilgsprechung ist deshalb meiner Ansicht nach für Papst Johannes Paul II. eine Vollendung. Er besiegelt damit einen Weg, der vor langer Zeit begonnen hat, und der von der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse unter allen Aspekten sorgfältig geprüft wurde.

Der Papst hat sich an die vorgeschriebenen Verfahren gehalten, doch in seinem Herzen war er sich sicher, dass es sich bei Pater Pio um einen Menschen gehandelt hat, der von Christus auf außergewöhnliche Art und Weise geliebt wurde mit seinem Leben, in dem er so viel Schmerz erfahren musste. Der Papst war sich seit vielen Jahren sicher, dass Pater Pio ein heiligmäßiges Leben geführt hatte; und ich war es auch.

FRAGE: Möchten Sie etwas zu der "Katechese" zum Schmerz sagen, die uns Papst Johannes Paul II. am eigenen Leib vorlebt?

WANDA POLTAWSKA: Ich kann nur wiederholen, was der Heilige Vater gesagt hat: der Schmerz ist das größte Geheimnis Gottes, man kann ihn nicht verstehen, man muss ihn einfach annehmen; er ist also vor allem Geheimnis und wir Katholiken sollten nicht über das Leid Unschuldiger diskutieren, wir sollten uns nicht nach dem Grund dafür fragen, sondern es dem Herrn als Opfer anbieten, wie es auch der Papst tut und uns damit unserem Herrn Jesus Christus für das Heil der Welt anschließen. Hat uns dies nicht auch Pater Pio gelehrt? Alles liegt in den Händen Gottes. Gott hat auch das Leben des Heiligen Vaters in seinen Händen, der Heilige Vater vertraut sich Ihm völlig an und erwartet von Ihm und nur von Ihm alles; so war es bis heute und so wird es bis zum Schluss sein.  

Pater Pio bleibt ein Geheimnis und es wird noch Jahre dauern, es zu lüften
Interview mit dem Postulator der Causa Pater Pios

ROM, 16. Juni 2002 (ZENIT.org-Avvenire).- Pater Gerardo de Flumeri ist der Postulator des Heiligsprechungsprozesses von Pater Pio, und er ist überzeugt, dass noch längst nicht alles über den Heiligen gesagt ist: "Ich bin überzeugt, dass es noch jahrelang gehen wird, bis wir gewisse Aspekte seiner Spiritualität richtig verstehen werden".

FRAGE: Von Pater Pio zu sprechen heißt oft, über die unglaubliche andauernde Beliebtheit des Heiligen zu sprechen. Will man allerdings die Hauptmerkmale seiner Spiritualität aufzeigen, wo soll man da am Besten beginnen?

PATER DE FLUMERI: Ich glaube, dass die Hauptmerkmale seiner Spiritualität in erster Linie in der Entwicklung seines Denkens und einiger seiner Begriffe entdeckt werden müssen. Vor allem zwei sind hier zu nennen: Sein Leidbegriff und der Stellenwert des Leids sowie Maria, obschon natürlich sein Denken, wie aus seinen Schriften evident, viel umfangreicher ist.

FRAGE: Fangen wir doch beim Ersteren an.

PATER DE FLUMERI: Das Leid war für Pater Pio ein Privileg, und wenn er zu Gott betete, dass er ihm nicht so viel Leid auferlegen möge, dann tat er dies, weil er dachte, er hätte sonst die anderen benachteiligt, da das Leid ein so großes Gut ist, und er erachtete es nicht als gerecht, als einziger dessen teilhaftig zu sein. Mit anderen Worten, er betrachtete das Leid als ein so großes Gut, dass er es mit der Zeit als ein göttliches Privileg betrachtete. Ich stelle diesen Aspekt natürlich hier sehr vereinfacht dar, da sein Denken viel feiner ist, doch das ist wohl schon ein Grundzug seines Denkens.

FRAGE: Was bedeutete für ihn Maria?

PATER DE FLUMERI: Er nannte Jesus und Maria immer in einem Atemzug. Sie ist gleichsam ein Vehikel Christi, der allein das Heil bedeutet. Sie ist der Stern, der voranleuchtet. Neu ist gemäß seiner Schriften, dass er Maria oft auch alleine nennt und zwar nicht, weil etwa Maria Christus nicht untergeordnet wäre, sondern weil die Vorrechte aus ihrem Leben beim Namen genannt werden, wie göttliche Mutterschaft, also der Titel, den Gott selbst ihr verliehen hat und wodurch ihr die Macht verliehen wurde, kraft ihrer mütterlichen Autorität bei Jesus zu intervenieren. Maria hat also bei Gott selbst einen besonderen Stellenwert.

FRAGE: Sie zeigen hier eine sehr komplexe und tiefe Spiritualität auf, die vielleicht sogar unpopulär ist für den vorherrschenden Kult. Ich denke hierbei an den Leidbegriff. Und dennoch empfinden die Leute Pater Pio als außerordentlich nahe. Wie erklären sie das?

PATER DE FLUMERI: Eine Erklärung ist in der Tat sehr umfangreich und jede Antwort ist hier gewagt. Ich bin überzeugt, dass man noch Jahre braucht, um vollends bestimmte Dinge zu verstehen. Dass er ein so volksnaher Heiliger ist, hängt hauptsächlich davon ab, dass er sich für die Bekehrung der Sünder allzu oft bei Gott aufgeopfert hat sowie von seiner Schlichtheit, mit der er gewisse Dinge in Worte gekleidet hat. Es ist eine Sprache, die jedermann zugänglich ist. Daher sehen die Leute in ihm einen Freund, einen Wohltäter und einen, der sie an der Hand nimmt und führt. Dass nun dies seine große Verehrung bewirkt, kann man, glaube ich, nur mit dem Übernatürlichen erklären.

Vom Vatikan gelieferte Biographie von PATER PIO VON PIETRELCINA
"Ich aber will mich allein des Kreuzes Jesu Christi, unseres Herrn, rühmen" (Gal 6, 14).

VATIKAN, 16. Juni 2002 (ZENIT.org-www.vatican.va).- Wir publizieren die offizielle Biographie Pater Pios, die der Vatikan zur Verfügung gestellt hat.

Pater Pio von Pietrelcina hat wie der Apostel Paulus das Kreuz des Herrn als Kraft, Weisheit und Ruhm in den Mittelpunkt seines eigenen Lebens und Apostolates gestellt. Er hat Jesus Christus glühend geliebt und sich ihm in voller Selbsthingabe für das Heil der Welt gleichförmig gemacht. In der Nachfolge und Nachahmung Christi, des Gekreuzigten, war er so hochherzig und vollkommen, dass man hätte sagen können: "Ich bin mit Christus gekreuzigt worden, nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir" (Gal2, 19). Die vielen Gnaden, die Gott ihm in so einzigartiger und reichhaltiger Weise geschenkt hatte, teilte er durch seinen Dienst aus, indem er die immer zahlreicher herbeiströmenden Männer und Frauen aufrichtete und eine unübersehbare Schar von geistlichen Söhnen und Töchtern hervorbrachte.

Der verehrungswürdige Jünger des heiligen Franz von Assisi wurde am 25. Mai 1887 in Pietrelcina, Erzdiözese Benevent, als Sohn von Grazio Forgione und Maria Giuseppa De Nunzio geboren und am nachfolgenden Tag auf den Namen Francesco getauft. Im Alter von zwölf Jahren empfing er die erste heilige Kommunion und die Firmung.

Mit 16 Jahren trat er am 6. Januar 1903 als Novize in den Orden der Kapuzinerminoriten in Morcone ein, wo er am darauffolgenden 22. Januar eingekleidet wurde und den Ordensnamen Bruder Pio erhielt. Nach dem Noviziatsjahr legte er die einfachen Gelübde ab und am 27. Januar 1907 die ewigen Gelübde.

Nach der Priesterweihe am 10. August 1910 in Benevent blieb er zunächst aus gesundheitlichen Gründen bei seiner Familie. Im September 1916 wurde er in das Kloster San Giovanni Rotondo eingewiesen, wo er bis zu seinem Tod verblieb.

Pater Pio lebte in vollendeter Gottes- und Nächstenliebe seine Berufung, um zur Rettung des Menschen beizutragen. Diese sein ganzes Leben kennzeichnende besondere Sendung verwirklichte er durch die geistliche Begleitung der Gläubigen, durch die sakramentale Versöhnung der Reumütigen und durch die Feier der Eucharistie. Der Höhepunkt seiner apostolischen Tätigkeit war dann erreicht, wenn er die heilige Messe zelebrierte. Die Gläubigen, die daran teilnahmen, spürten die Tiefe und Fülle seiner Spiritualität. Im Bereich der christlichen Nächstenliebe bemühte er sich, die Leiden und Nöte zahlloser Familien zu lindern, hauptsächlich durch die Stiftung "Casa Sollievo della Sofferenza", die am 5. Mai 1956 eingeweiht wurde.

Leben bedeutete für Pater Pio zugleich glauben. All sein Wollen und all sein Tun standen im Licht des Glaubens. Er betete unablässig. Den ganzen Tag und einen Großteil der Nacht verbrachte er im Gespräch mit Gott. Er pflegte zu sagen: "In den Büchern suchen wir Gott, im Gebet finden wir ihn. Das Gebet ist der Schlüssel zum Herzen Gottes." Der Glaube bewog ihn, dem geheimnisvollen Willen Gottes immer zuzustimmen.

Eingetaucht in die übernatürlichen Wirklichkeiten, war er nicht nur ein Mensch voller Hoffnung, der seine ganze Zuversicht auf Gott setzte, sondern er vermittelte diese Tugenden allen, die ihn aufsuchten. Er tat dies durch sein Wort und Beispiel.

Die Liebe zu Gott, die ihn erfüllte, übertraf alle seine Erwartungen. Leitprinzip seines Tagesablaufs war die Liebe: Gott lieben und dazu beitragen, dass er geliebt wird. Seine besondere Sorge war es, in der Liebe zu wachsen und auch den anderen dazu zu verhelfen.
Er liebte den Nächsten bis zur Vollendung, indem er mehr als fünfzig Jahre lang unzähligen Menschen, die um seinen Dienst baten und seinen Beichtstuhl aufsuchten, durch Rat und Trost beistand. Es war fast eine Belagerung. Sie suchten ihn in der Kirche, in der Sakristei und im Kloster auf. Und er schenkte sich allen, indem er Glauben weckte, Gnaden austeilte und Erleuchtung brachte. Er sah vor allem in den Armen, Leidenden und Kranken das Bild Christi und schenkte ihnen besondere Aufmerksamkeit und Zuwendung.

In vorbildlicher Weise übte er die Tugend der Klugheit; er handelte und erteilte seinen Rat im Licht Gottes.

Sein Ziel war der Lobpreis Gottes und das Heil der Menschen. Er behandelte alle gerecht, aufrichtig und voller Achtung.

In ihm erstrahlte die Tugend der Tapferkeit. Er begriff sehr bald, dass sein Weg ein Kreuzweg werden sollte, den er sogleich mutig und voll Liebe annahm. Viele Jahre hindurch hatte er seelisch schwer zu leiden. Jahrelang ertrug er die Schmerzen seiner Wunden mit bewundernswerter Gelassenheit.

Als er Schwierigkeiten und Auflagen in seinem priesterlichen Dienst durchstehen musste, nahm er das in Demut und Gelassenheit hin. Angesichts ungerechtfertiger Anklagen und Verleumdungen schwieg er. Er vertraute auf das Urteil Gottes, hielt sich an die Weisungen seiner unmittelbaren Vorgesetzten und blieb seinem eigenen Gewissen treu.

Er war gewohnt, sich abzutöten, um die Tugend der Enthaltsamkeit zu üben, wie es dem franziskanischen Lebensstil entspricht. Er suchte die Mitte in seinem Denken und war maßvoll im Leben.

Im Bewusstsein der mit dem geweihten Leben übernommenen Verpflichtungen beobachtete er hochherzig die Ordensgelübde. Er befolgte in allem gehorsam die Anweisungen seiner Oberen, auch wenn sie eine schwere Last bedeuteten. Sein Gehorsam war übernatürlich ausgerichtet, allumfassend angelegt und ganzheitlich gelebt. Er übte die Armut durch das totale Loslassen seiner Selbst, der irdischen Güter, der Bequemlichkeiten und Ehrungen. Er hatte immer eine ganz besondere Vorliebe für die Tugend der Keuschheit. Sein Betragen war überall und allen gegenüber bescheiden.

Er hielt sich für unnütz und der Gaben Gottes unwürdig; er glaubte von sich, voll von Gebrechlichkeiten, aber gleichzeitig mit göttlichen Gnadenerweisen überschüttet zu sein. Bei aller Bewunderung seitens der Welt wiederholte er: "Ich möchte nur ein einfacher Bruder sein, der betet".

Seit seiner Jugend von zarter Gesundheit, wurde er mit zunehmendem Alter immer gebrechlicher. Bruder Tod holte ihn, wohl vorbereitet und voll Gelassenheit, im Alter von 81 Jahren am 23. September 1968. Seine Beisetzung fand unter außergewöhnlich großer Beteiligung des Volkes statt.

Am 20. Februar 1971, knapp drei Jahre nach dem Tode Padre Pios, äußerte Paul VI. gegenüber den Oberen des Kapuzinerordens: "Seht, welchen Ruhm er erlangt hat, welch weltweite Gefolgschaft er um sich gesammelt hat! Und warum? Weil er vielleicht ein Philosoph war? Weil er ein weiser Mann war? Weil er bemittelt war? Weil er demütig die Messe feierte, vom Morgen bis zum Abend Beichte hörte, und weil er, schwer zu sagen, ein mit den Wundmalen unseres Herrn gezeichneter Stellvertreter war, ein Mann des Gebets und des Leidens".

Schon während seines Lebens stand er im Ruf der Heiligkeit, die seinen Tugenden, seinem Gebetseifer, dem Opfergeist und der Ganzhingabe für das Heil der Menschen zuzuschreiben war.
In den Jahren nach seinem Tod wurde der Ruf der Heiligkeit und Wundertätigkeit zu einem Ausdruck des kirchlichen Lebens und verbreitete sich unter allen Volksschichten in der ganzen Welt.

So gab Gott der Kirche seine Absicht kund, seinen treuen Diener auf Erden zu verherrlichen. Nach nicht allzu langer Zeit unternahm der Kapuzinerorden die nach dem kanonischen Gesetz vorgeschriebenen Schritte, um den Selig- und Heiligsprechungsprozess einzuleiten. Nach eingehender Prüfung erteilte der Heilige Stuhl gemäß dem Motu Proprio "Sanctitas Clarior" am 29. November 1982 das "Nihil obstat". Der Erzbischof von Manfredonia konnte so das Kanonisierungsverfahren einleiten und den Ermittlungsprozess durchführen (1983-1990), dessen rechtliche Gültigkeit von der Kongregation für die Heiligsprechungsprozesse am 7. Dezember 1990 bestätigt wurde.

Nach Abschluss der Positio wurde wie üblich überprüft, ob der Diener Gottes den heroischen Tugendgrad erreicht hatte. Am 13. Juni 1997 fand die zuständige Versammlung der theologischen Berater statt und endete mit positivem Ergebnis. In der ordentlichen Sitzung vom darauffolgenden 21. Oktober bestätigten die Kardinäle und Bischöfe im Beisein des Referenten Bischof Andrea Maria Erba (Velletri-Segni), dass Pater Pio von Pietrelcina die göttlichen Tugenden, die Kardinaltugenden sowie die damit verbundenen Tugenden in heroischem Grad geübt hat.

In Gegenwart von Papst Johannes Paul II. wurde am 18. Dezember 1997 das Dekret über den heroischen Tugendgrad promulgiert.

Für die Seligsprechung von Pater Pio legte die Postulation dem zuständigen Dikasterium die Heilung von Frau Consiglia De Martino aus Salerno vor. Dieser Fall wurde in einem ordentlichen kanonischen Prozess beim kirchlichen Gericht der Erzdiözese Salerno-Campagna-Acerno in der Zeit von Juli 1996 bis Juni 1997 geprüft. Bei der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse tagten am 30. April 1998 der medizinische Konsult und am 22. Juni desselben Jahres die zuständige Versammlung der theologischen Berater.

Am 20. Oktober 1998 fand im Vatikan eine ordentliche Versammlung der Kongregation mit ihren Mitgliedern, Kardinälen und Bischöfen statt. Am 21. Dezember 1998 wurde im Beisein von Papst Johannes Paul II. das Dekret über das Wunder promulgiert. Am 2. Mai 1999 hat Papst Johannes Paul II den ehrwürdigen Diener Gottes Pio von Pietrelcina im Rahmen einer Eucharistiefeier seliggesprochen und den 23. September als Tag für die entsprechende liturgische Feier bestimmt.

Betreffs der Heiligsprechung des seligen Pio von Pietrelcina hat die antragstellende Postulation dem zuständigen vatikanischen Dikasterium den Fall der Genesung des kleinen Matteo Pio Colcha aus San Giovanni Rotondo vorgelegt. Vom 11. Juni bis 17. Oktober 2000 wurde dieser Fall in einem ordentlichen Prozess beim Gerichtshof der Erzdiözese Manfredonia-Vieste verhandelt.

Mit Datum vom 23. Oktober 2001 wurde der Kongregation für die Heiligsprechung das Resultat der medizinischen Untersuchung überreicht. Am 11. Dezember fand die entsprechende Sondersitzung der theologischen Kommission statt, und am 18. des gleichen Monats die ordentliche Versammlung der Kardinäle und Bischöfe. Am 20. Dezember 2001 wurde in Gegenwart Johannes Paul II. das Dekret über das Wunder promulgiert, und am 26. Februar 2002 das Dekret zur Heiligsprechung.


Der heilige Pater Pio von Pietrelcina - Modell der Spiritualität und Menschlichkeit
Papst Johannes Paul II. erinnert an das Erbe des stigmatisierten Kapuzinerpaters

VATIKAN, 17. Juni 2002 (ZENIT.org).- Am Montag schlug der Heilige Vater den heiligen Pater Pio von Pietrelcina als "Modell der Spiritualität und Menschlichkeit" für die Menschen von heute vor", einen Tag nach seiner Heiligsprechung.

Bei seiner Begegnung mit den Tausenden von Pilgern, die zu diesem großen Ereignis gekommen waren, wiederholte der Papst in der Audienzhalle des Vatikans einige Lehren, die der stigmatisierte Kapuzinerpater (1887-1968) für das Leben der Gläubigen hinterlassen hat.

Es war der 462. Diener Gottes, der von Johannes Paul II. heiliggesprochen worden ist. Er ist mit Sicherheit auch einer der beliebtesten und volksnahsten Heiligen unserer Zeit.

Nach Guadalupe und dem Vatikan ist San Giovanni Rotondo im Süden Italiens, wo der Heilige als Kapuzinermönch lebte, der am dritthäufigsten besuchte Ort der katholischen Kirche.

"Worin besteht das Geheimnis solch großer Verehrung und Liebe zu diesem neuen Heiligen?, so fragt der Heilige Vater. "Er ist vor allem ein "Bruder des Volkes", übrigens eine traditionelle Charakteristik der Kapuziner. Außerdem ist er ein Wundertäter, was die außerordentlichen Ereignisse bezeugen, von denen das Leben des heiligen Pater Pios voll ist. Vor allem aber ist er ein Ordensmann, dessen Fülle der Liebe und Hingabe dem gekreuzigten Christus galt".

Er nahm im Laufe seines Lebens auf physische Weise am Kreuzesmysterium Christi teil", so der Papst.

Und diesen Weg ging Pater Pio in tiefster Einheit und Gemeinschaft mit der Kirche. Selbst momentanes Unverständnis seitens kirchlicher Autoritäten konnte diese Haltung eines Sohnes der Kirche nicht trüben.

Er musste leiden, und in der Tat wurde ihm vom Heiligen Officium aufgrund falscher Anschuldigungen von Leuten, die mit Argwohn den außerordentlichen Einfluss auf die Menschen beobachteten, zeitweise die Ausübung seines priesterlichen Dienstes untersagt. Untersuchungen wurden veranlasst.

Doch nichtsdestotrotz legte der Heilige Vater sein Beispiel den Priestern von heute als Modell nahe. "Die Messe war Pater Pio Herz und Quelle aller Spiritualität", so der Heilige Vater, der ihn selbst 1947 als einfacher junger polnischer Priester in Pietrelcina besuchte, um bei ihm zu beichten.

"Der heilige Pio von Pietrelcina zeigt sich den Priestern, Ordensleuten und Laien von heute vor allem als ein glaubwürdiger Zeuge Christi und seines Evangeliums. Sein Beispiel und seine Fürsprache ermutigten alle, in immer größerer Liebe zu Gott und konkreter Solidarität mit den Nächsten, insbesondere den Armen zu leben", so der Papst abschließend.

Pater Pio ist der Simon von Kyrene des 20. Jahrhunderts
Interview mit päpstlichem Hofprediger

ROM, 18. Juni 2002 (ZENIT.org-AVVENIRE).- Die Heiligsprechung von Pater Pio von Pietrelcina stellt eine entscheidende Botschaft für unsere Zeit dar, so der päpstliche Hofprediger Pater Raniero Cantalamessa, seines Zeichens ebenfalls Kapuzinerpater.

"Pater Pio hält den Menschen von heute, die durch Materialismus und Säkularisierung desorientiert sind, den Ruf zur Heiligkeit entgegen. Mit seinem Beispiel will er uns sagen, dass Heiligkeit auch heute ein gangbarer Weg ist", so Pater Cantalamessa, der Prediger des Päpstlichen Hauses.

FRAGE: Die Heiligkeit von Pater Pio ist so außerordentlich, dass sie fast erschreckend wirkt.

PATER CANTALAMESSA: In "Novo Millennio ineunte" hat der Heilige Vater hinsichtlich der Heiligkeit darauf hingewiesen, dass die äußeren Phänomene, also die übernatürlichen Manifestationen sich zwar einstellen können, es aber nicht müssen.

FRAGE: Und das Leben von Pater Pio ist genau in diese Kategorien des Übernatürlichen getaucht.

PATER CANTALAMESSA: Das stimmt. Deswegen darf man jedoch jene Realität, die sich dem Versuch einer vernunftmäßigen Erklärung entzieht, nicht minder achten. Wer das Übernatürliche in Frage stellt, versucht gleichsam, Gott sein Handwerk beizubringen. Ein Wunder ist immer ein Zeichen, eine pädagogische Anweisung angesichts der Schwachheit unseres Glaubens.

FRAGE: Mit welcher Einstellung müssen wir die Wunder Pater Pios betrachten?

PATER CANTALAMESSA: Mit Dankbarkeit. Pater Pio ist ein wahres Gottesgeschenk. Ein solcher Mensch stellt auf jeden Fall ein außerordentliches Ereignis für die Menschheit dar. Und Gott wollte, dass er in unserer Zeit lebte. Dafür danken wir ihm.

FRAGE: Kann man den Vergleich zwischen Franz von Assisi und Pater Pio wagen?

PATER CANTALAMESSA: Mir scheint, dass beide von einem Glorienschein umgeben waren, der weltweit bekannt war. Beide hatten sie diese Liebe zum Kreuz und beide waren sie stigmatisiert. Doch hier hört der Vergleich auch schon auf, denn ihr Temperament war grundverschieden.

FRAGE: Auch um Franz von Assisi herum ereigneten sich viele Wunder.

PATER CANTALAMESSA: Franz von Assisi hatte die ganze damals bekannte Welt bereist, während Pater Pio immer im Beichtstuhl geblieben war. Doch haben sich Millionen von Menschen an ihn gewandt. Wenn wir nun diesen Zustrom von suchenden Seelen sehen, können wir auch die Originalität von Pater Pio begreifen.

FRAGE: Gibt es innerhalb seiner Mystik einen besonders evidenten Aspekt?

PATER CANTALAMESSA: Der Schlüssel ist sicherlich diese tägliche Konfrontation mit den Seelen. Seine Mystik ist eine Sühnemystik. Er hat die Last aller Seelen, die zu ihm kamen, auf sich genommen.

FRAGE: Und wenn wir ein biblisches Symbol suchen wollten?

PATER CANTALAMESSA: zweifelsohne das Symbol des Simon von Kyrene. Der Beweis dafür sind seine Stigmata, aber auch seine nimmerendenden Tage im Beichtstuhl sowie seine büßend und betend durchwachten Nächte im Kampfe mit dem Dämon. Das ist seine Sühnemystik.

FRAGE: Einige haben angesichts der Stigmata, der Bilokationen und der Wunder Pater Pio als einen archaischen Heiligen bezeichnet, sehen sie das auch so?

PATER CANTALAMESSA: Heiligkeit lässt sich nicht in zeitliche Begriffe fassen. Daher ist sie nie einfach nur archaisch oder modern. Sie ist gleichzeitig neu und alt. Es gab zu allen Zeiten in der Kirchengeschichte heiligmäßige Menschen, die so gelebt haben, und es gibt sie auch heute.

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