Hl. Magdalena Sophia Barat Biographie 

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Textauszug:

Endlich ist der langersehnte Magdalenentag da. Im Herz-Jesu-Kloster zu Metz herrscht freudige Erregung. Seit einigen Tagen weilt die greise, hochverehrte Stifterin zu Besuch im Hause, und heute ist ihr Namensfest! Noch ein letztes, geschäftig‑frohes Hin und Her, dann ist alles zum Glückwunsch bereit. Die Glocke läutet. Mutter Barat erscheint unter ihren Kindern. Nun bringen sie ihre kleinen Gaben dar, flehen Gottes Segen auf die geliebte Mutter herab, sprechen von ihrem Wollen und Streben. Mit innerer Ergriffenheit lauscht die Mutter. Als das letzte Wort verklungen, der letzte Akkord des Festchores verhallt ist, da bricht sie in die Worte aus: “Es gibt nur zwei Dinge, die mir am Herzen liegen: unser Heiland und die Kinder!”

Der Heiland und die Kinder, das war Sinn und Bedeutung ihres ganzen Lebens gewesen. Als “Gesandte der göttlichen Liebe” wie einst die heilige Gertrud hatte sie dem himmlischen Auftrag gelebt, die Kenntnis und Liebe des Herzens Jesu in der Welt zu verbreiten und den ihr anvertrauten Menschen, Ordensfrauen und Kindern, Mutter und Führerin zu sein. jetzt war sie am Ende ihres langen Lebens, das köstlich gewesen, weil es “von Mühe und Arbeit” erfüllt war für die Seelen. Die Zeitgenossen aber standen bewundernd vor ihrer persönlichen Heiligkeit und vor dem großen, segensreichen Werk, das sie geschaffen hatte. “Müßte ich auch zu Fuß über die Alpen steigen”, rief einer von ihnen aus, “ich will Mutter Barat sehen; sie ist ja die Theresia unseres Jahrhunderts!” 

Das Kind der Vorsehung 

Magdalena Sophia Barat stammte aus dem burgundischen Städtchen Joigny. Trug sie auch die ausgeprägten Züge ihres Volksstammes, Lebhaftigkeit, rasche Auffassungsgabe, Beharrlichkeit und ausgesprochenen Sinn für Humor, so wird doch die Eigenart ihres Wesens Demut, Sanftmut und Milde sein, Tugenden, die sie in jene Heldenschar einreihen, die wir Heilige nennen.

Sie wurde in den Schrecken einer nächtlichen Feuersbrunst am 12. Dezember 1779 vorzeitig geboren, und, da sie in Lebensgefahr schwebte, schon beim ersten Morgengrauen zur Taufe in die Pfarrkirche getragen. Pate wurde der elfjährige Bruder Ludwig. Mit aufopfernder Sorge widmete sich die Mutter dem zarten Kinde, das aber allmählich kräftiger wurde und überraschend aufgeweckt war. Früh und leicht lernte es die ersten Gebete, und auffallend waren seine religiösen Neigungen. Die Mutter, die tief im Ewigen und Übernatürlichen verankert war, senkte in die Seele ihrer jüngsten den Grund zu jenem lebendigen Glauben, der auf dem langen Lebenswege das Licht ihres Geistes, die Quelle ihrer Kraft und die Richtschnur ihres Handelns bleiben sollte.

 

Vom Vater, dem geraden einfachen Faßbinder und Weinbauern Jacques Barat, hatte sie den ehrlichen, praktischen Sinn geerbt, von der Mutter Gemütstiefe und zartes Empfinden. In übersprudelnder Lebenslust tat sie es ihren Gespielinnen zuvor im Laufen, Springen und fröhlichem Treiben und war bald der Liebling aller. Sobald sie alt genug war, trippelte sie zur Christenlehre in die Pfarrkirche und hüpfte beim Antwortgeben munter auf das Bänkchen, um gesehen und gehört zu werden. Als der Priester einmal seine jüngsten, noch nicht zur Beichte gegangenen Schüler ermahnte, durch aufrichtige Reue die Verzeihung ihrer Sünden zu erlangen, stand die sechsjährige Sophie plötzlich auf und begann mit hellem Stimmchen das Bekenntnis ihrer Fehler. Alles staunte. Der Katechet ließ sie innehalten, erkannte aber in dieser kindlichen Selbstanklage die Anzeichen einer besonderen Begnadung. Schon früh sehnte sie sich nach der heiligen Kommunion. Als sie im Alter von neun Jahren um die Zulassung zum Kommunionunterricht bat, sollte sie noch zurückgestellt werden, war darüber aber so untröstlich und zeigte in einer besonderen Prüfung soviel Reife und Herzensreinheit, daß der Pfarrer ihrem Drängen nicht widerstehen konnte. Bei der ersten Begegnung mit dem eucharistischen Heiland mag diese begnadete Seele verstanden haben, was sie später in die Worte kleidete: “Wenn ein Herz einmal die Liebe Jesu verkostet hat, erscheint ihm alles übrige schal und wertlos, und es braucht nicht viel Mühe, um sich dem höchsten Gut gänzlich hinzugeben.” Als Unterpfand der Auserwählung empfing sie in dieser Stunde ein besonderes Verständnis für das Wort Gottes in der Heiligen Schrift.

Von Liebe umhegt und Liebe wiederschenkend, wuchs das kleine Mädchen heran in Frohsinn und Glück. Seine Kindertage waren licht und warm wie die Sonne, die die Trauben in des Vaters Weinberg reifte. Aber der eigene Bruder brachte den ersten strengen Ton in dieses Kindesleben. Aufmerksam beobachtete der junge Theologiestudent die ungewöhnlichen Geistes‑ und Herzensgaben seiner kleinen Schwester. Wollte Gott aus ihr ein braves Winzermädchen machen oder war sie zu etwas Höherem berufen? Ludwig besprach sich mit den Eltern, die, wenn auch ungern und zögernd, ihm erlaubten, Sophie zu unterrichten.

Nun saß das lebensfrohe Mädchen daheim hinter den Büchern, wenn draußen die Sonne strahlte, die Vögel sangen, die Kinder lachten, die Winzer in das Rebengelände zogen und im eigenen Herzen die goldene Freiheit so verführerisch lockte! Aber der strenge Bruder nahm keine Rücksicht. Der Unterrichtsplan umfaßte Rechnen, Geschichte, Geographie und Naturwissenschaften. Später, als die begabte Schülerin die Grenzen der gewöhnlichen Schulwissenschaft überschritten hatte, kamen Astronomie, Latein und Griechisch hinzu, und “zur Erholung” durft sie Italienisch und Spanisch lernen. Im klassischen Altertum erschloß sich ihrem durchdringenden Verstand eine neue Welt. Namentlich fesselte sie Virgils ernster Sinn und die Großartigkeit seiner Naturschilderungen. Von der alten griechischen Dichtung sagte sie noch in späteren Jahren: “Ich liebe das heldische Zeitalter; da weitet sich der Geist, das Herz vernimmt seine eigenen Schläge.” Der feinen Laune des “Don Quichote” brachte ihr beweglicher Geist das gleiche Verständnis entgegen wie den Tiefen der “Göttlichen Komödie” Dantes.

Als Taufpate, der seine Pflichten ernst nahm, fühlte sich Ludwig Barat für die Charakterentwicklung seiner Schwester ebenso verantwortlich wie für ihre Geistesbildung. Ihre große Begabung hätte sie eitel machen können; Ihre warmherzige Lebhaftigkeit, verbunden mit der Zähigkeit eines entschiedenen, bisweilen unbeugsamen Willens gaben ihr Anlaß zu vielen Kämpfen. In der männlich strengen Schule Ludwigs wurde ihr Charakter wie Stahl gehärtet, ihre erregbare Art zur Klarheit und Stetigkeit gezügelt, ihre Hingabe und ihr Opfermut erprobt. So erhielt Sophie eine gründliche wissenschaftliche Bildung und eine gute religiöse Schulung. Beides sollte sie für ihre spätere Aufgabe brauchen. Aber noch ahnte niemand, daß Gott in der schlichten Dachkammer von Joigny in der Stille eine Heilige heranbildete, die Botin seiner Liebe.

Inzwischen wütete die Französische Revolution. Für die Priester und Theologen hieß es: Zivileid oder Tod. Auch Ludwig Barat geriet in Kerkerhaft. Nur der Abfall vom Glauben hätte ihn aus dem Gefängnis befreit. Tief litten die Eltern des jungen Diakons, und Sophies erfinderische Liebe bot alles auf, um sie zu trösten.

Vor seiner Verhaftung hatte Ludwig den Seinen aus Paris ein Herz-Jesu-Bild gesandt. Es hing in der Wohnstube am Ehrenplatz und verschwand nicht einmal während der zahlreichen Haussuchungen. Wie oft suchte die geprüfte Familie hier Stärke und Trost und flehte für den bedrohten Sohn und Bruder! Sophie lernte, ihre Sorgen mit dem Leiden des sterbenden Erlösers zu vereinigen und fand hier den Quell ihrer Verehrung des heiligsten Herzens. In seiner Liebe sollte sich ihr Leben verzehren.

Ende des Auszugs

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